Arbeiterkind, Promotion und der Krebs

Ömer Ünal mit einer Latzhose bei einer Faschingsfeier (12 Jahre) und bei seiner Doktorfeier (33)

Was würdet ihr tun, wenn euch der Arzt mitteilen würde, dass ihr nur noch ein paar Jahre zu leben habt? Die Geschichte meines Bruders, Ömer Ünal, ist ein eindrucksvoller Beweis für die Kraft des Lebenswillens und die Entschlossenheit, selbst in den dunkelsten Stunden zu kämpfen. Geboren und aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Esslingen, nahm Ömers Lebensgeschichte eine schicksalhafte Wendung, als er kurz vor seinem 33. Lebensjahr die niederschmetternde Diagnose Lungenkrebs im Endstadium erhielt. Die Wurzeln seiner Krankheit sah Ömer in den Jahren der Arbeit mit hochgiftigen Substanzen – einer Aufgabe, die uns unser Vater als nebenberuflicher Vorarbeiter in unserer Jugend aufgebürdet hatte. Samstags arbeiteten wir für eine Reinigungsfirma in einer mittelständischen Fabrik, wo wir schweres Industrieöl und anderen Schmutz mit Industriereiniger und Lösemittel  reinigten – ohne Schutzmaßnahmen oder angemessene Aufklärung über die Risiken der Einatmung. Diese scheinbar harmlose Jugendbeschäftigung hatte womöglich den tragischen Grundstein für Ömers spätere schwere Diagnose gelegt. Obwohl ich derselben Arbeit nachgegangen war, blieb meine Gesundheit im Gegensatz zu Ömers unberührt. Dies könnte u. a. daran liegen, dass er bereits in seiner Kindheit Asthma entwickelt hatte. Die Ärzte widersprachen dieser Begründung jedenfalls nicht. Die Diagnose traf uns wie ein Blitzschlag. Es dauerte eine Weile, bis wir uns wieder gefangen hatten.

Die Klinik schlug eine Chemotherapie vor und prognostizierte eine Lebenserwartung von 1-2  Jahren. Doch der einfühlsame Onkologe öffnete die Möglichkeit einer Tabletten-Therapie, die nicht nur eine längere Lebenserwartung, sondern auch emotionales Wohlbefinden brachte. Trotz der Diagnose setzte Ömer seinen akademischen Weg fort, schloss seine Promotion in der Ingenieurswissenschaft Fahrzeug- und Motorentechnik mit großem Erfolg ab und wurde Mitbegründer eines Start-Up-Unternehmens.

Dabei musste er zuerst viele Hürden überwinden.
In der vierten Klasse hatten er und seine türkischstämmigen Freunde die Lehrerin gefragt, was sie dachte, was aus ihnen später werden könne. Auf die Frage antwortete sie lachend und herablassend: Aus ihnen könnten Müllmänner werden. Unabhängig davon, dass dies ein ehrbarer Beruf ist, hielt sie die Berufswahl der Jungs für sehr begrenzt. Diese Aussage konnte Ömer nie vergessen. Ab der fünften Klasse besuchte er die Hauptschule. Seine Klassenlehrerin erkannte sein Potential und ermutigte ihn, weiterzukämpfen – mit Erfolg. Er wechselte im nächsten Schuljahr auf die Realschule und so nahm alles seinen Lauf. Er bekam weder Unterstützung, noch hatte er ein Netzwerk. Ganz im Gegenteil. Während Akademikerkinder bei Schularbeiten oftmals fortwährend Unterstützung erhalten, musste mein Bruder meine Eltern bei bürokratischen Angelegenheiten unterstützen, indem er Briefe u. Ä. ins Deutsche übersetzte.

Die Benachteiligung in der schulischen Laufbahn ist ein generelles Problem. Während von 100 Akademikerkindern durchschnittlich 74 mit einem Studium beginnen, sind es bei Nichtakademikern nur 21. Während von 100 Akademikerkindern 10 den Doktortitel erwerben, ist es bei Nichtakademikerkindern nur eines.

Quelle/Grafik: Hochschulreport 2020

Mein Bruder gehört zu den wenigen, die es als Arbeiterkind geschafft haben, zu promovieren. Zwischenzeitlich schrieb er auch Kurzgeschichten. Drei davon ließ er drucken.

Seine Kurzgeschichten in „I have the Power“
und seine Doktorarbeit

Übrigens: Während seines Masterstudiums begann er parallel mit einem Philosophiestudium. Wenig überraschend erzielte er ausgezeichnete Noten, brach es aber nach der Diagnose ab.

Durch die Tablettentherapie entwickelte er  wieder mehr Lebensfreude, die sich in verschiedenen Facetten bemerkbar machte – sei es beim Sport, kreativen Projekten, kulinarischen Erlebnissen oder Reisen rund um die Welt. Mit meinem Bruder Ömer reiste ich nach Ägypten, erblickten die Pyramiden und ergründeten die Sehnsucht des Menschen nach ewigem Leben; flogen nach Island und bestaunten die Naturwunder; fuhren nach Paris und sahen die kulturellen Schätze. Mit seinen Freunden unternahm er eine Vespatour durch die Toskana. Ja, er verliebte sich sogar ein letztes Mal und schloss den Bund der Ehe.

Trotz aller Erfolge und glücklichen Momenten stellte sich die Realität erneut gegen Ömer. Metastasen breiteten sich in seiner Leber innerhalb kürzester Zeit aus und die Ärzte erklärten die Situation als infaust, einem unheilbaren Zustand und rieten von einer Behandlung ab. Doch Ömer weigerte sich, aufzugeben, schlug eine bestimmte Variante der Chemotherapie vor und trotzte der düsteren Prognose. Ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung dokumentierte seinen ungewöhnlichen Kampf unter dem Pseudonym „Malik“. Er überstand den „untherapierbaren“ Zustand, was fast schon einer Wunderheilung anmutete.

Was ihn später herausforderte, war, dass nach der Bestrahlung einer Metastase in seinem Gehirn kein Kontrolltermin stattfand und diese in der Zwischenzeit wieder heranwuchs. Diese Metastase führte schließlich zu einem Schlaganfall, der Ömers linke Körperhälfte zu großen Teilen lähmte. Trotzdem fand Ömer die Kraft, weiterzuleben, wenn auch nun betrübter. Seine Lebensqualität nahm stetig ab, seinen Lieblingsaktivitäten wie Joggen konnte er nicht mehr nachgehen. Selbst das Spazieren wurde irgendwann nicht mehr zumutbar.

Es verstrich eine schwierige Zeit.

Wir feierten gemeinsam seinen letzten Geburtstag. Eine Überraschung hatte ich noch für ihn: Videoaufnahmen von alten Schulkameraden, Freunden und Bekanntschaften, die ihm ihre Wertschätzung und Liebe zeigten. Ömer konnte die Botschaften mit Freude und Tränen im Gesicht erleben. So viele Herzen hatte er berührt. Sein Gesundheitszustand nahm indessen stetig ab. Wir wollten nicht, dass er die letzte Zeit seines Lebens auf der Palliativstation verbringt. Meine Schwester, deren Güte Engel beneiden, nahm ihre ganzen restlichen Urlaubstage – vier Wochen – um ihm zu Hause die volle Aufmerksamkeit zu geben. Sie kümmerte sich mit außergewöhnlichem Einsatz um Ömer, der auf immer mehr Unterstützung angewiesen war. Wir begleiteten ihn bis zu seinem letzten Atemzug. Zwei Wochen nach seinem 37. Geburtstag am 30. September 2022, nahm er Abschied von uns, ohne Schmerzen – in Frieden.

Die Geschichte von Ömer Ünal ist eine Hymne an die Liebe zum Leben und den unerschütterlichen Willen, selbst im Angesicht der dunkelsten Stunden zu kämpfen. Sein Erbe lebt nicht nur in uns weiter, sondern auch in den Herzen jener, die er mit seiner Stärke, seinem Lächeln, seiner Liebe und all seinen menschlichen Facetten berührt hat.

Vor seiner Krebsdiagnose teilte er diese Notiz von Camus auf Instagram

2 Kommentare

  1. Lieber Erol,

    mir wurde das Glück zuteil deinen Bruder im Rahmen des Treffpunkt Stuttgart – Junge Erwachsene mit Krebs kennenzulernen. Er war wirklich ein sehr besonderer Mensch und er fehlt 🖤

    Claudia

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